Der Suchende

"...eine kurze Verschnaufpause, nur eine ganz kurze!" denkt er sich.
Es ist Nacht, er verweilt in einer dunklen, unbeleuchteten Gasse in einer Großstadt irgendwo in Deutschland. Einer von den vielen, unzähligen Orten, an denen er schon so oft vorbeizog. Die Sterne funkeln am Himmel und scheinen ihm zuzuzwinkern. "Eueren Hohn könnt ihr euch sparen" denkt er und lächelt verbittert. "Ihr habt ja bekommen, wonach ich suche" flüstert er leise. Er wird schon wieder unruhig, es zieht ihn wieder fort.

"Wie lange soll ich noch umherirren" fragt er stimmlos in den Sternenhimmel.
Er kennt die Sterne, er kennt sie alle. Überall hat er schon gesucht, in den Städten der Erde, in deren Wüsten, Wäldern und Ozeanen. Er suchte in den Ringen des Saturns und auf den Monden des Jupiters. Er besuchte unzählige Sonnen, unendlich viele Sterne - doch das was er sucht hat er bis heute nicht gefunden.

 

"Mein Gott, warum hast du mich verlassen?!" hadert er mit seinem Schöpfer, "warum hast du mich so bestraft, womit habe ich das verdient!?" 
Unzählige Male hat er sein Leid bereits geklagt, es klingt fast wie ein Gebet: "Herr, am Anfang hat du die Erde und den Himmel geschaffen, die Ozeane, die Pflanzen und schließlich den Menschen! Nachdem dein Werk vollbracht war, sagtest du, dass es gut sei bist du für immer von uns gegangen. Nur leider hast du es aber versäumt, mir vorher einen Körper zu geben. Es heißt, du seiest unfehlbar, wenn das stimmt, dann muss es doch irgendwo einen Körper für mich geben, irgendwo! Mein Gott, warum hast du mich verlassen?!"

Der innere Drang weiter zu ziehen ist inzwischen so groß, dass er ihm nicht mehr widerstehen kann. Mit einem lauten, verzweifelten Heulen reißt er sich los und rast durch die Gasse, biegt ab gegen den Himmel und stürmt über die Dächer der Stadt...

Epilog
Ein junges Pärchen steht in einer unbeleuchteten Gasse in einer Großstadt irgendwo in Deutschland. Das Mädchen klammert sich ängstlich an ihren Freund und sagt: "Umarme mich, halte mich bitte kurz fest! Der Wind ist richtig unheimlich. Hörst du wie laut er heute wieder heult?"